G L O B A L I S I E R U N G
Schneller, besser, reicher …
Von der Eisenbahn bis zum Computer-Boom: Globalisierung gibt es schon lange. Heute profitieren sogar die Armen von ihr
Von Josef Joffe. ©  DIE ZEIT, 31.05.2007 Nr. 23

lokale Kopie aus http://www.zeit.de/2007/23/Globalisierung

Was ist »Globalisierung«, von der Milliarden profitieren, gegen die Tausende protestieren? Der Begriff erfasst alles, was Grenzen im großen Stil überwindet: die Völkerwanderung vom 2. bis zum 6. Jahrhundert, die Große Pest des 14. Jahrhunderts, die ein Drittel der Europäer hinwegraffte, den Siebenjährigen Krieg, in dem der Alte Fritz nur ein kleines Rad drehte und der doch der erste echte Weltkrieg war, der in Europa, Asien und Amerika ausgefochten wurde – zu Lande und auf hoher See.

Etwas zeitgemäßer ist die Definition aus dem Jahr 1841 von Vicomte François-René de Chateaubriand, dem Literaten, nach dem bekanntlich auch ein feines Stück Fleisch benannt wurde: »Wenn Dampfkraft erst perfektioniert ist, wenn sie zusammen mit Telegraphie und Eisenbahn die Distanzen schwinden lässt, werden nicht nur Güter reisen. Auch Ideen werden Flügel haben. Wenn Steuer- und Handelshemmnisse zwischen den Staaten gefallen sind und die Völker einander immer näher rücken, wie wollen wir dann die alte Trennung wiederbeleben?«

Etwas abstrakter: Globalisierung ist die Kompression von Raum und Zeit durch sinkende Transport- und Informationskosten und fallende Grenzen. Chateaubriand lehrt uns noch ein Zweites: Globalisierung ist nichts Neues unter der Sonne. Was wir heute feiern oder verdammen, entfaltete sich mit atemberaubendem Tempo in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und hielt an bis zum Ersten Weltkrieg, als Abschottung und Autarkie das Regiment übernahmen – bis in die Mitte des zwanzigsten.

Was geschah in der »Ersten Globalisierung«?

Beginnen wir mit dem transatlantischen Telegrafen. Als der 1866 zu ticken begann, verkürzte sich die Reise einer Nachricht von London nach New York von etwa 14 Tagen (per Schiff) auf fünf Minuten. Das sind 99,97 Prozent weniger, das ist 4000-mal schneller. Dagegen lief der Sprung vom Telegramm zum Fax oder von diesem zur E-Mail in Zeitlupe ab.

Bleiben wir auf dem Atlantik. Im Jahre 1838 begann mit der SS Great Western der planmäßige Dampfschiffverkehr zwischen Amerika und Europa. Die Folgen waren gewaltig. Der Frachtkostenindex auf US-Exportrouten verfiel um 40 Prozent (1870 bis 1910). Noch dramatischer entwickelte sich diese Story auf den britischen Routen: minus 70 Prozent (1840 bis 1910). Schneller, billiger, weiter – das war der eine Teil des Traums von Chateaubriand.

Der zweite hieß »Eisenbahn«. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs das Schienennetz in Deutschland um das Zehnfache, um den Faktor 18 in Frankreich und 27 in den USA. Alle Rekorde schlug Russland diesseits des Urals: 112-mal mehr. Das sind 11200 Prozent. Es bedarf keiner höheren Mathematik, um sich vorzustellen, was diese Transportrevolution den Getreidepreisen in Europa antat, konnten doch Ukrainer und Amerikaner in ihren unendlichen Weiten viel billiger produzieren als selbst pommersche Großgrundbesitzer. Vom Ende der 1860er bis in die frühen 1880er verfünffachte sich der US-Weizenexport nach Europa. Der Effekt – Bauernflucht, Verarmung – war brutaler als 100 Jahre später der asiatische, der die westliche Textil- und Schuhindustrie durch chinesische Importe dezimierte.

Welthandel bedeutet Wachstum – das ist ein eisernes Gesetz

Angesichts dieser »Billigheimer« aus der einst Dritten Welt, die nun der Ersten so zusetzen, klingt Friedrich Engels’ Diktum zur Globalisierung (Grundsätze des Kommunismus, 1847) wie verstaubte Ironie. Die »große Industrie« habe »alle kleinen Lokalmärkte zum Weltmarkt zusammengeworfen«. Richtig. Aber deshalb sei es »dahin gekommen, dass eine neue Maschine, die heute in England erfunden wird, binnen einem Jahre Millionen von Arbeitern in China außer Brot setzt«.

Wie wurden diese kleinen Märkte »zusammengeworfen«? Zurück zu Chateaubriand: »Wenn Steuer- und Handelshemmnisse zwischen den Staaten gefallen sind…« Ohne deren Abbau keine Globalisierung. Das »Goldene Zeitalter der Globalisierung« fiel denn auch mit dem des Freihandels zusammen – mit sehr niedrigen Zollmauern. Zum Beispiel 1875: In England, der Heimat von Adam Smith und David Ricardo, den Erfindern der Theorie vom free trade, lagen die Zölle bei genau null Prozent. Der beste Schüler der Briten war das Bismarck-Reich. Hier lag die Durchschnittsmarke bei fünf Prozent. Frankreich war mit 12 bis 15 auch recht tugendhaft. Nur die USA wollten von Ricardo nichts wissen, der – im Prinzip nie widerlegt – doziert hatte: Exportiere, was du am besten und billigsten kannst, importiere, was die anderen besser können; so gewinnen beide Seiten. Der US-Durchschnittszoll türmte sich bis zu mörderischen 50 Prozent auf.

Trotzdem explodierte der Welthandel – ab Mitte des 19. Jahrhunderts um fünf Prozent pro Jahr. Erst in den achtziger Jahren, schreibt der US-Ökonom Paul Krugman, »hat der Welthandel als Anteil am Globalprodukt die Rekorde von damals überboten«. Welthandel ist Wachstum, das ist ein eisernes Gesetz. In der Ersten Globalisierung (in dem Halbjahrhundert vor dem Ersten Weltkrieg) hat sich das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens denn auch fast verdreifacht, notiert die Weltbank-Studie Globalization, Growth and Poverty.

Wie heute wuchs der Welthandel auch damals schneller als das Weltprodukt, trieb so die Arbeitsteilung und Spezialisierung voran und die Produktivität nach oben. Aber auch kein Wachstum ohne grenzüberschreitende Investitionen. Das »Goldene Zeitalter« war identisch mit dem des Goldstandards. Damit der wie eine Art »Weltzentralbank« funktionieren konnte, musste Kapital ungehindert fließen dürfen – ohne Mauern und Kontrollen. Und es floss reichlich. Britische Bürger investierten jährlich bis zu sieben Prozent des Nationalprodukts in ausländische Staatsanleihen. In der atlantischen Welt stieg der Kapitalfluss vor dem Ersten Weltkrieg bis auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Diese Ströme sind bis heute unerreicht.

Der Erste Weltkrieg beendete die erste Globalisierung

All das hatte Adam Smith schon 1776 kommen sehen, als er in The Wealth of Nations schrieb: »Die Entdeckung Amerikas und der Passage nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung herum sind die beiden wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte. Denn sie haben die entferntesten Ecken der Welt miteinander vereint.«

Und warum das Ende dieser goldglänzenden Welt? Zwei Wörter: Krisen und Krieg. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vereinten sich immer neue Zyklen von boom and bust, Aufschwung und Absturz, zur ersten Weltwirtschaftskrise, der von 1873 bis 1896, die länger anhielt als jene nach dem Großen Crash von 1929. In diesem Vierteljahrhundert fielen die Preise in den USA um ein Drittel, noch stärker anderswo. Gerade weil die Globalisierung überall die Handelshemmnisse niedergerissen hatte, machten sich die Staaten daran, sie wieder aufzurichten. In Deutschland, bis dato ein Musterland des Freihandels, wurden die Zollmauern um das Dreifache erhöht, beim Roggen wurden 1887 sogar 47 Prozent draufgeschlagen. Nur England hielt fest am Nulltarif.

Auch der Goldstandard, der Garant freier Kapitalflüsse, verfiel, zumal in Asien und Lateinamerika. In den 1890ern, resümiert Jeffrey Frieden in Global Capitalism, »zerbröselte der Leim, der das weltweite kapitalistische System zusammenhielt«. Und: »Nach dreißig Jahren ungebrochenen Wachstums verlangsamten sich die Finanzströme.« Mit der Misere verschärften sich auch die Konflikte der Großmächte. Erinnern wir uns an den prohibitiven Zoll auf Roggen (47 Prozent), den das Deutsche Reich 1887 erhob. Dieser und der nicht erneuerte »Rückversicherungsvertrag« kappten den »Draht nach St. Petersburg« (Bismarck). Fünf Jahre später schlug sich Russland auf die Seite Frankreichs; damit begann jener »Albtraum der Koalitionen«, der den Deutschen 1914 zum Verhängnis wurde.

1914 war das Ende der Ersten Globalisierung; es begann die lange Nacht der Abschottung durch Protektionismus und Kapitalkontrollen, die sich als Folge des Crashs von 1929 noch mehr verdunkelte. 1931, zwei Jahre nach dem »Schwarzen Freitag«, lag der französische Durchschnittszoll bei 38, der deutsche bei 41 und der amerikanische bei 53 Prozent. Das hatte die Krise beschleunigt.

Hatte sich die Erste Globalisierung selber zerstört? Die Antwort muss lauten: Die Staaten holten sich ihre Macht über den Markt zurück, die sie Mitte des 19. Jahrhunderts abgegeben hatten. Und wann zeigte sich die neue Morgenröte am weltwirtschaftlichen Horizont? Als Amerika nach gewonnenem Zweiten Weltkrieg, nach einem Jahrhundert des schärfsten Protektionismus als Vorreiter des Freihandels in die Rolle der Ex-Imperialmacht England schlüpfte und die drei neuen Säulen der Globalisierung hochzog: das Allgemeine Zollabkommen (Gatt, heute WTO), das Freihandel schützt, den Weltwährungsfonds (IMF), der für weltweite Liquidität und Krisenintervention sorgt, und die Weltbank, die Kapital für die Entwicklungsländer bereithält.

Was die Staaten sich im Ersten Weltkrieg genommen hatten, gaben sie nach dem Zweiten schrittweise wieder an die Märkte zurück. Nach der Gatt-Gründung 1947 fielen die Schranken. Seit den Achtzigern sind Zölle in der industrialisierten Welt praktisch negligeabel. Und die Dritte Welt? Die blieb bis Ende der achtziger Jahre »entglobalisiert«, dann aber steigerte sich der Kapitalstrom zur Flut: von rund 50 Milliarden Dollar zu Beginn der Neunziger auf 300 am Ende.

Wieder waren ähnliche Kräfte am Werk: fallende Transport- und Kommunikationskosten. Hier ein paar Beispiele: 1950 kostete eine Passagiermeile im Flugzeug 30 US-Cent, 1990 nur elf (in Dollar von 1990). Ein Dreiminutengespräch über den Atlantik kostete seinerzeit 53 Dollar, 40 Jahre später drei. Heute verlangt die Telekom knapp drei Eurocent pro Minute. Und ein Multi-Megabyte-Programm kann für präzise null Cent über den Atlantik »verschifft« werden.

Die Folge ab 1950? Nehmen wir eine klassische Messlatte der Globalisierung: Exportanteil am Bruttosozialprodukt. Der hatte sich 35 Jahre später in der Industriewelt verdreifacht. Der Welthandel? Der wächst seit dem Crash von 2000 um jährlich acht Prozent, doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft – ähnlich wie in der Ersten Globalisierung. Kapitalströme? Die sind geradezu fantastisch, und Deutschland ist das beste Beispiel. 1970 machten hier internationale Wertpapiergeschäfte gerade mal drei Prozent des Bruttosozialprodukts aus, dreißig Jahre später waren es 200!

Aber was ist mit der »Dritten Welt«, die den Globalisierungsfeinden so am Herzen liegt? Werden wir reich auf Kosten der Armen? Die Silbermedaille im Wachstumswettlauf hält heute Afrika südlich der Sahara: mit knapp sieben Prozent hinter dem Weltrekordler China (9,5). Dagegen erscheinen die zwei Prozent EU-Wachstum wie Stagnation. Was das mit Globalisierung zu tun hat?

Eine ganze Menge. Grundsätzlich gilt: Wer sich globalisiert, profitiert; wer sich abschottet, verliert. Der Weltbank-Report Globalization, Growth and Poverty zeigt diese Dynamik sehr deutlich für die neunziger Jahre. Die less globalized countries weisen Minuswachstum auf, die more globalized countries ein Plus von fünf Prozent.

Moment!, protestiert nun der Kritiker; das ist doch bloß Korrelation, nicht Kausation, was lateinisch ist für »Was ist Henne, was Ei?«. Dazu ganz vorsichtig, wie es sich für professionelle Ökonomen gehört, eine klassische Studie des hoch angesehenen National Bureau of Economic Research in Cambridge, USA: Does Globalization Make the World More Unequal? Die Zweifel, die einen bei Durchsicht jeder Einzelstudie befallen, notieren die Autoren, »sollten nicht den Blick auf den gesamten Wald der Daten verstellen«. Denn das Übergewicht der Fakten unterstütze die Conclusio, »dass die Öffnung zum Handel der typischen Drittwelt-Wirtschaft geholfen hat«. Siehe eben nicht nur die »Tiger« und »Drachen« Asiens, sondern auch zuletzt den Fall Afrika.

Protektionismus schadet mehr, als die Entwicklungshilfe nützt

Daraus folgt: Öffnung und Globalisierung sind gut, und ein kluger Drittwelt-Freund müsste demnach den Reichen mehr von beidem predigen. Warum? Zitat aus dem Weltbank-Report: »Der Protektionismus der Reichen im Agrarbereich und arbeitsintensiven Sektor kostet die Entwicklungsländer hundert Milliarden Dollar im Jahr, das ist doppelt so viel wie die gesamte Nord-Süd-Entwicklungshilfe.«

Schließen wir den Kreis: Wird die »Zweite Globalisierung« dem gleichen Schicksal anheimfallen wie die Erste? Die Welt hat sich verändert. Wenn sich heute die Krisen vor dem Nationalstaat auftürmen, zieht der nicht wie weiland die Zugbrücken hoch, sondern interveniert im Inneren – was er auch sehr gut kann, weil er über knapp die Hälfte des Bruttosozialprodukts verfügt. (Vor 150 Jahren waren es fünf bis zehn Prozent.) Folglich fallen die Verlierer der Globalisierung anders als in den Weltwirtschaftskrisen I und II nicht mehr ins Bodenlose. Der Staat subventioniert und protegiert, er schult um und zahlt aus. Von der heutigen sozialen Absicherung konnte ein Arbeitsloser, ein landflüchtiger Bauer in den Depressionszeiten des 19. und 20. Jahrhunderts nicht einmal träumen.

Der moderne Wohlfahrtsstaat wehrt sich gegen die Globalisierungsflut nicht mit höheren Dämmen (außer mit ein paar kleinen für privilegierte Gruppen), sondern mit Abermilliarden von Euro und Dollar, die Flutopfer vor dem Elend bewahren. Das ist der große Unterschied zur Ersten Globalisierung. Die ist an ihrer eigenen Dynamik gescheitert, sie hat die Krisen nicht bewältigt, die sie selber entfesselt hatte. Aber die Erste Globalisierung hat die Regierenden der Zweiten Krisenmanagement und -vorsorge gelehrt. Der moderne Sozialstaat, der ein Drittel des Inlandsproduktes für Transfers ausgibt, ist nicht das Opfer der Globalisierung, wie Globophobe wähnen, sondern ihr bester Garant.